Bambus für die Seele

Vor fast 15 Jahren habe ich diesen Bericht über ein Rockkonzert der philippinischen Rockgruppe “Bamboo” geschrieben.

Drehen wir die Zeit ein paar Tage zurück. Letzter Mittwoch in Kalibo/Aklan, in der Philippinischen Provinz. Es ist heute nicht anders als sonst. Katastrophen gegen Triumphe 1:0 – die Fernbedienung vom TV ruiniert. Ich sitze auf der Veranda, trinke den ersten starken Kaffee des Tages, klammere mich an die erste Filterlose und lausche den Geräuschen des Morgens. Hähne krähen, Brandgeruch weht von irgendwo herüber, Grillen zirpen, jemand brüllt in ein Karaokemikrofon und Kinder schreien. Ein sanfter Wind weht und schafft es gerade noch, die erste Schwüle zu vertreiben. Aber ich weiß, das der kühle Wind nicht lange halten wird.

Ein heißer, schwüler Tag wie jeder andere. Doch irgendwas war noch. BB verflucht wie immer mein mieses Gedächtnis. Stimmt. Bobit. Wir treffen uns mit Bobit und gehen auf ein Rockkonzert. Auf ein Rockkonzert in der Philippinischen Provinz. Prost Kaffee.

Fast forward – früher Abend, 17.45 Uhr. Während ich mir schwitzend den 3Tagebart aus dem Gesicht kratze, drängt BB zur Eile. Wir wollen uns um 18 Uhr mit Bobit treffen. Also schneller kratzen. Um kurz nach sechs treffen wir Bobit in einer nahegelegenen Kneipe. Nach einem schnellen San Miguel gehen wir los in Richtung Magsasay Park. Bobit nimmt für die 500m eines der vielen am Straßenrand wartenden kleinen Tricycles und lässt sich fahren.

Vor dem Magsaysay Park, einer Fußballplatz großen “Arena”, warten versprengt ein paar Gäste – ich zähle 30, 35 und glaube immer weniger an einen spannenden Abend. Bobit, der philippinische Sozialarbeiter, muss wie immer noch Spontanes erledigen und so warten wir vor dem Eingang. Um sieben soll Einlass sein und um acht Uhr soll das Konzert starten.

Während wir unter einer Laterne warten, spricht mich eine Mittvierzigerin mit Kleinkind auf dem Arm an. Sie strahlt übers ganze Gesicht und ich bin verwundert, denn normalerweise sind Philippinos Weißen gegenüber eher etwas zurückhaltend, manchmal fast schüchtern. Mit einem glockenhellen Lachen in der Stimme: “Ohhh – you like Bamboo too ? Are you a big fan ?” Ach, denke ich mir – die Band heißt Bambus. Na das klingt ja toll.

Um nicht wie der letzte Idiot dazustehen, antworte ich mit meinem strahlendsten “Gerhard-Schröder-Auf-Kommando”-Lächeln, das ich Bamboo einfach gigantic gut finde, dass sie great sind und einfach fantastic. Irgendwie schweben dabei ein paar kleine Schuljungs vor meinem geistigen Auge, die angestrengt auf einem Bambusxylophon rumklöppeln.

“Oh really – what´s your favoured song ?” Bevor ich innerlich ein Four-Letter-Word fluchen kann, weil ich mich wohl mal wieder selbst in die Pfanne gehauen habe, kommt BB mir zur Hilfe und raunzt von hinten “Noypi”. “Let me think – yeah – i thinks it´s Noypi. It´s great, i love it – great stuff”. Bevor sie mich mit strahlenden Augen küssen kann, kommt endlich Bobit und rettet mich. 45 Minuten zu spät. Philippinen Time… Die Menge der auf Einlass wartenden ist nur geringfügig gewachsen.

Am Eingang kontrollieren Securities mit Pumpguns die Gäste. Ich als Whitie werde wie immer nicht gefilzt und hoffe beim unsicheren weiterstolpern, dass sie mir nicht in den Rücken schießen, wegen was auch immer…

Im Innenraum verlieren sich die Gäste. Nachdem wir nochmal 1 Stunde mit Warten verbringen, kommt endlich die erste Vorband auf die Bühne. Auf der Bühne gibt ein fetter Radio-DJ den Koberer, preist die Sponsoren, den Gouvernor, den Bürgermeister und Gott und die Welt. Dann kommen die Vorbands. Namen sind Schall und Rauch und die drei Gruppen fallen beim Publikum alle bis auf eine durch. Gnadenlos – Pinoys applaudieren nur, wenn es auch Grund dazu gibt.

Am Ende der letzten Vorgruppe ist die Halle immer noch leer, doch ich bemerke neue Besucher, die sich durch die Wachen kämpfen. Der kobernde Fleischberg steht wieder auf der Bühne. “Are you ready ?” Hinter mir bricht ein Sturm los. Ich drehe mich ungläubig um: der Platz ist plötzlich voll, hunderte Philippinos drängen sich, Körper an Körper, und pressen sich an die Absperrung zum V.I.P.-Bereich. Zwischen mir und der Masse ist nur eine dürre Holzwand und ein paar unsicher dreinblickende, schwitzende Blaumützen.
“Are you ready to rock ?” Wieder erschallt ein frenetischer Sturm aus tausend Kehlen. Es ist noch gar nichts passiert, aber die Menge tobt. Es kommt das übliche Blablabla: “Welcome to the greatest day of music…blablabla.”…

Dann ist der Anreißer plötzlich weg und die Menschenmenge hinter mir schlagartig mucksmäuschen still.
ER hat die Bühne betreten, in Jeans, Sneakers und Jimmy-Hendrix-Shirt. Ein fast zwei Meter großer Philippino steht mit dem Rücken zum Publikum auf den Podesten und es herrscht Schweigen. Es ist totenstill.

Dort oben steht Bamboo Manalac, hebt die Arme und beginnt langsam einzuklatschen. Als er sich umdreht, 3 Meter nach vorn zum Mikro sprintet, bricht hinter mir der Mount Mayon aus: das Publikum rastet aus, sie schreien, sie brüllen, die Absperrung springt einen halben Meter nach vorn und den Securities steht die nackte Panik im Gesicht.
Bamboo ist hier keine einfache Band, Bamboo ist hier ein Naturereignis. Nicht nur hervorragend gespielter Rock und poppige Balladen, Manalac hat Ausstrahlung, bringt Bewegung auf die Bühne und ist eine echte Rampensau. Sie haben schon vor Langem bewiesen, daß sie Weltklasse haben und zurecht im Asiatischen Bereich eine Nummer sind. Anfang Januar geht die Band nicht ohne Grund auf ein Gastkonzert in Australien.

2002 wurde “Bamboo” von Bamboo Manalac als “Filipino alternative Rockband gegründet. Das Debütalbum “As the music plays” erschien im Februar 2004 und heimste prompt jede Menge Preise ein, darunter auch “MTV Philippinas”. Das zweite Album “Light, Peace, Love” enthält teilweise weniger rockige Stücke, die eher softer sind und in den Popbereich gehen, trotzdem sehr hörenswert sind. Im Januar 2007 tourt Bamboo nach Australien um wieder an einem Wettbewerb teilzunehmen: Sky Tour Australia. Im Februar gehen die 4 Jungs auf eine US-Tournee. Vielleicht kommen sie ja auch mal nach Europa…

Zurück auf die Bühne. 8 Songs sind gespielt, die Luft brennt, hochgereckte Arme, leuchtende Augen. Manalac steht an der Rampe, schweißnass und hebt fast pathetisch beschwörend die Arme in die Luft. Wieder wird die Menge still. Bamboo sagt kein Wort, lässt das Mikro sinken, lässt nach kurzem schüchternen Augenaufschlag den Blick über das Publikum gleiten und die Arme sinken. Fast sieht es so aus, als hätte er Tränen in den Augen. Das Mikro geht wieder hoch und er stimmt den letzten Song für diese Nacht an.

Noypi – Pinoy ako. DU bist Filipino – be proud whatever comes !

Noypi ist umgangssprachlich für Pinoy – Philippino. Noypi ist alles: Rock, Rock-Pop – whatever. Aber kein Song. Noypi ist eine Hymne. Für die Menschen in einem Land, das durch viele Jahrhunderte fremder Kolonisation die eigene Identität fast verloren hätte und bis heute keine wirkliche eigene Identität gefunden hat.

Noypi erzählt von den Schwielen an den Händen, von Hunger, Dreck, Armut und Ausbeutung. Aber auch von den Menschen, die trotz alledem für andere und sich selbst immer ein strahlendes warmes Lächeln finden, nicht aufgeben und ihr Leben allem zum Trotz meistern. Vor allem aber sagt Noypi den Philippinos, dass sie stolz auf sich sein sollen, stolz auf sich und ihr Land. Dass sie es schaffen werden, wenn sie nur daran glauben. Die Fans rasen, ein tosender Sturm, der laut mitsingt. Große Emotionen – und der Boden im Magsaysay Park bebt.

Bobit, der sonst immer unaufhörlich plappert, lacht und witzelt und kaum zu bremsen ist, sitzt zwei Stühle weiter in der V.I.P.-Lounge, ganz still. Keine Regung. Blickt schräg nach oben. Nur ein entrücktes Lächeln umspielt seine Mundwinkel. Und seine feuchten Augen leuchten im Halbdunkel der Arena.

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